Zwei unzureichende Extreme
Bei komplexen Vorhaben begegnen uns häufig zwei gegensätzliche Vorgehensweisen.
Im ersten Fall wird sehr früh entwickelt, ohne Geschäftsmodell, Daten und Systemgrenzen ausreichend zu verstehen. Es entstehen sichtbare Oberflächen, aber die schwierigen Integrationen und Fachregeln werden vertagt.
Im zweiten Fall wird versucht, das gesamte spätere System vollständig zu planen. Es entstehen Zielbilder, Spezifikationen und Prozessmodelle, aber lange kein real nutzbarer Ablauf.
Der vertikale Durchstich verbindet die Stärken beider Seiten: genug Architektur, um nicht planlos zu bauen, und genug Umsetzung, um Annahmen früh praktisch zu prüfen.
Was „vertikal“ bedeutet
Ein horizontaler Aufbau entwickelt zunächst einzelne technische oder fachliche Schichten: alle Oberflächen, danach das Backend, danach die Integrationen, danach die Betriebsumgebung.
Ein vertikaler Durchstich nimmt dagegen einen begrenzten Anwendungsfall und führt ihn durch alle notwendigen Ebenen:
Der Funktionsumfang ist klein. Der Prozess ist vollständig.
Beispiel Commerce
Ein Unternehmen möchte einen eigenen digitalen Vertriebskanal aufbauen. Ein horizontaler Ansatz könnte zunächst einen vollständigen Shop gestalten, während Produktdaten, ERP und Finance später angebunden werden.
Ein vertikaler erster Durchstich sieht anders aus:
- 1Ein reales Produkt wird aus einer vorhandenen Quelle übernommen.
- 2Die Daten werden in das benötigte Commerce-Modell überführt.
- 3Das Produkt wird im Shop angezeigt.
- 4Ein Kunde kann es bestellen.
- 5Die Bestellung wird an das ERP oder den operativen Prozess übergeben.
- 6Zahlungs- und Statusinformationen werden korrekt verarbeitet.
- 7Der Ablauf wird überwacht und nachvollziehbar protokolliert.
Das ist noch kein vollständiger Commerce-Kanal. Aber es beweist die kritischen Systemgrenzen.
Beispiel KI
Ein Unternehmen möchte Supportprozesse mit KI automatisieren. Statt zunächst ein allgemeines Assistenzsystem mit vielen möglichen Fragen zu bauen, wird ein klarer Fall vollständig abgebildet:
- 1Eine echte Anfrage geht ein.
- 2Der Kunde wird identifiziert.
- 3Relevante Vertrags- und Kommunikationsdaten werden geladen.
- 4Die Anfrage wird klassifiziert.
- 5Das System erstellt einen fachlich begründeten Antwortentwurf.
- 6Unsichere oder kritische Fälle werden markiert.
- 7Ein Mitarbeiter prüft und versendet.
- 8Ergebnis und Korrekturen fließen in die Qualitätsmessung ein.
Damit werden Datenzugriff, Berechtigungen, Fachlogik, Qualität und Nutzerablauf früh sichtbar.
Was vor dem ersten Durchstich geklärt sein muss
Ein vertikaler Durchstich ist keine improvisierte Demo. Vor der Umsetzung müssen einige Grundlagen verstanden sein:
- geschäftliches Ziel
- Nutzer und Rollen
- kritische Fachregeln
- relevante Datenquellen
- Systemgrenzen
- Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen
- erwartetes Ergebnis
- Kriterien für Erfolg und Qualität
Nicht jede spätere Funktion muss bekannt sein. Die grundlegenden Verantwortlichkeiten des Systems müssen jedoch tragfähig sein.
Wie der richtige erste Prozess ausgewählt wird
Ein guter erster Durchstich ist:
relevant
Er bildet einen Prozess ab, der für Nutzer oder Geschäft tatsächlich wichtig ist.
begrenzt
Er enthält nicht bereits sämtliche Sonderfälle, Länder, Produktgruppen und Nutzerrollen.
integrationsreich genug
Er berührt die entscheidenden Systemgrenzen und verschiebt das schwierigste Problem nicht vollständig in die Zukunft.
bewertbar
Das Ergebnis lässt sich fachlich und technisch beurteilen.
ausbaufähig
Die entstandene Grundlage kann für weitere Prozesse und Funktionen verwendet werden.
Was dadurch früh sichtbar wird
Diese Erkenntnisse sind deutlich belastbarer als Annahmen aus einem rein abstrakten Zielbild.
Häufige Fehlformen
Die Frontend-Demo
Eine überzeugende Oberfläche simuliert Daten und Prozesse, ohne die kritischen Integrationen umzusetzen. Sie zeigt Gestaltung, aber beweist nicht das System.
Der technische Prototyp ohne Nutzerprozess
Eine API oder Pipeline funktioniert isoliert, ohne zu zeigen, wie ein realer Nutzer oder Prozess damit arbeitet.
Der zu große Durchstich
Der erste Schritt enthält bereits zu viele Produktgruppen, Rollen, Länder und Sonderfälle. Dadurch verliert er seine Geschwindigkeit.
Der Wegwerfprototyp
Die erste Version wird bewusst außerhalb der späteren Architektur gebaut. Erkenntnisse entstehen, aber ein großer Teil der Arbeit kann nicht weiterverwendet werden.
Der unkritische Happy Path
Nur der einfachste Idealfall wird umgesetzt, während die entscheidenden Risiken vollständig ausgeklammert bleiben.
Vom Durchstich zum Produkt
Nach dem ersten vollständigen Prozess wird nicht einfach wahllos erweitert. Die nächsten Schritte ergeben sich aus tatsächlicher Nutzung, fachlichem Nutzen, technischen Risiken, Datenqualität, organisatorischer Bereitschaft und dem strategischen Zielbild.
So wächst das System entlang realer Erkenntnisse, ohne seine architektonische Richtung zu verlieren.
Übertragbare Learnings
- 01Der erste Schritt darf klein sein, aber nicht oberflächlich.
- 02Ein vollständiger Prozess prüft mehr Annahmen als viele isolierte Module.
- 03Kritische Integrationen gehören früh in den Durchstich.
- 04Architektur und Betriebsfähigkeit dürfen nicht vollständig vertagt werden.
- 05Ein vertikaler Durchstich ist keine Wegwerf-Demo.
- 06Das Zielbild bleibt wichtig, bestimmt aber nicht jedes Detail im Voraus.
- 07Reale Nutzung liefert die beste Grundlage für den weiteren Ausbau.
Abschluss
Komplexe Systeme entstehen nicht dadurch schneller, dass man ihre Komplexität ignoriert. Sie werden beherrschbarer, wenn ein kleiner, relevanter Teil früh durch alle Ebenen des Systems geführt wird.